Im heurigen Gratisbuch geht es um den harten Job eines Filialleiters einer Fischrestaurantkette (Red Lobster) in den USA. Autor Stewart O’Nan im Gespräch.

Manny muss diesen Abend irgendwie überstehen. In der Konzernzentrale wurde die Schließung seiner Filiale  von „Red Lobster“ (die Kette ist in den USA sehr populär) angeordnet. Er ist der Chef des Restaurants, aber in Wirklichkeit ist er der Dumme, der alles machen muss, wenn Not am Mann ist. Und vor allem muss er sein schlecht bezahltes Team noch einmal motivieren, überhaupt zu arbeiten – an diesem letzten Tag kurz vor Weihnachten, an dem gerade ein Schneesturm angesagt ist. Manny stammt aus Puerto Rico – und so wie er ist sein Team bunt zusammengewürfelt aus Menschen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind. Stewart O’Nan ist mit seinem Roman „Letzte Nacht“ („Last Night at the Lobster“) etwas ganz Besonderes gelungen, nämlich eine der wenigen wirklich spannend zu lesenden Schilderungen der heutigen Arbeitswelt. Eine unglückliche Liebe hat auch noch Platz, denn Manny hatte eine Affäre mit einer Kollegin, die er immer noch liebt. Am 9. November wird Stewart O’Nan aus seiner Heimatstadt Pittsburgh anreisen, um sein Buch bei „EineStadt.EinBuch.“ zu präsentieren. Wir konnten mit ihm schon über seinen erfolgreichen Roman sprechen.

 

© Stefan Joham

 

SCHREIBEN IST MEIN GROSSES PRIVILEG

Der amerikanische Erzähler Stewart O’Nan hat schon mehr als 20 Bücher veröffentlicht. Am erfolgreichsten war seine gemeinsam  mit Stephen King verfasste Geschichte „Faithful“ über den Bostoner Baseballclub „Red Sox“.

Die Bücher des 1961 in Pittsburgh geborenen Schriftstellers Stewart O’Nan sind immer eine Überraschung. Denn sie unterscheiden sich voneinander stets sowohl was das Thema als auch was den Stil betrifft. So schrieb O’Nan bereits über ein Punkmädchen in der Todeszelle, den Neuanfang einer betagten Witwe, die Katastrophe eines Zirkusbrandes oder eben die letzte Nacht vor der  Schließung einer Restaurantkette, das Buch, das Sie in den Händen halten.

 

 

wienlive: Ihr Vater und Großvater waren Ingenieure. War es da natürlich, dass Sie auch diese Laufbahn einschlagen?

O’Nan: Ich war sehr gut in Mathematik, und es war die Ära der Apollo-Missionen. Sie haben Menschen auf den Mond geschickt, „Star Trek“ war im Fernsehen und überall war Science-Fiction. Ich habe schon immer Flugzeuge geliebt. Es lag mir irgendwie in den Genen. Auf jeden Fall gab es keine Schriftsteller in meiner Familie (lacht).

 

Gibt es Ähnlichkeiten zwischen einem Ingenieur und einem Schriftsteller?

Es gibt mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede. Beide beschäftigen sich damit, wie etwas in der realen Welt funktionieren würde. Beide zerlegen Details und sehen, wie sie zusammenpassen. Beide sind sehr analytisch.

 

Gab es irgendeinen Moment oder eine Person, die Sie dazu bewog, es als Schriftsteller zu versuchen?

Ich habe immer sehr viel gelesen. Nach der Matura arbeitete ich in einer Lagerhalle. Jeder dort hat Pornografie gelesen, und ich Romane (lacht). Als ich von der Arbeit heimkam, habe ich versucht, Geschichten über die Menschen aus meiner Nachbarschaft in Boston zu schreiben. Ich war fasziniert von all diesen unterschiedlichen Menschen, die aus verschiedenen Plätzen der Welt in diese kleine Gemeinde kommen. Ich habe versucht, mich in ihre Leben hineinzuversetzen. Da musste ich einfach mit dem Lesen beginnen.

 

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

Aus meiner Kindheit ist es Charles M. Schulz, der die „Peanuts“-Comics geschrieben hat. Ich würde die tatsächlich noch einmal lesen, so gut waren sie. Und natürlich Edgar Rice Burroughs, ich habe alle seine Tarzan-Bücher gelesen. Diese Art von Pulp-Fiction habe ich geliebt.

 

Wie haben Sie Stephen King kennengelernt?

Ich habe die Novelle „Dear Stephen King“ geschrieben und sie meinem Verleger, der einmal sein Verleger war, gegeben. Stephen Kings Anwälte meinten, ich dürfe seinen Namen nicht verwenden. Mein Verleger verlangte, dass ich einen neuen Titel wähle, aber ich wollte das nicht. Ich habe ihn gefeuert und Stephen King über mein Buch berichtet. Von diesem Moment an haben wir uns geschrieben. Eines Tages läutete das Telefon, und es war Stephen King. Er fragte mich, ob ich mit ihm zum Baseballspiel, das an diesem Abend stattfand, gehen wolle. Ich traf ihn endlich zum ersten Mal persönlich und wir hatten eine großartige Zeit.  Seitdem sind wir Freunde.

 

Sie haben das Drehbuch „Poe“ geschrieben.

Es ist die Biografie von Edgar Allan Poe. Ich war von japanischen Filmen aus den späten Sechzigern inspiriert. Ich bin etwas nostalgisch, schaue in die Vergangenheit und frage mich, warum bestimmte Dinge passiert sind und wie sich die Menschen dabei gefühlt haben. Viele meiner Bücher spielen deshalb auch in der Vergangenheit.

 

Sie haben mehrere Drehbücher geschrieben?

Sieben. Meistens schreibe ich sie, um ein Buch wiederzubeleben, etwa „Geborgen im Schoße der Nacht“ von William Styron. Ich nehme Bücher, die ich liebe und wo ich wieder mit den Charakteren zusammensein möchte. Ich kann da die Dialoge nochmals überarbeiten oder auch das Ende, wenn ich es nicht spannend genug finde. Aber ich mache das nur zum Spaß. Ich möchte kein Drehbuch gegen Bezahlung schreiben, weil ich von meinen Freunden weiß, dass die Produzenten es wieder und wieder ändern und letztlich das Drehbuch dann nie verwenden. Als Romanautor habe ich das letzte Wort. Mein Verleger kann mir zwar sagen, dass er etwas anderes haben möchte, aber wenn ich nicht will, dann bleibt es dabei.

 

Wieso haben Sie das Buch „The Vietnam Reader“ geschrieben?

Ich bin 1961 geboren, in diesem Jahr waren die USA offiziell in Vietnam involviert. Zu Ende war das Ganze 1975, als ich 14 war. Es war also ein Teil meiner Kindheit. Ich habe jeden Morgen Radio gehört, sie verkündeten, wie viele Vietnamesen und Amerikaner umgebracht wurden. Das Einzige, was dieser Krieg hervorbrachte, waren tote Menschen. Ich verstand das nicht und wollte es aber verstehen, weil es mir sehr wichtig war. Als Kind habe ich Bücher über den Krieg gelesen, in denen er als das ultimative Abenteuer beschrieben wurde. Unser Land wurde von diesem Krieg geprägt und geformt. Krieg und Revolution waren schon in den Siebzigern in der Luft und sie sind es immer noch.

 

In Ihren Büchern sprechen Sie viele verschiedene Themen an. Würden Sie sagen, dass es ein Thema gibt, das Sie in all Ihren Büchern behandeln?

Ich denke, es ist die Frage: Wo finden wir die Hoffnung und Stärke, weiterzumachen und weiterzukämpfen? Die meisten meiner Charaktere befinden sich in einer unmöglichen Situation, aus der sie irgendwie rauskommen müssen. Manche von ihnen finden einen Weg weiterzumachen, manche nicht. Es scheint zwei Typen von Menschen zu geben, die mich sehr interessieren. Der eine Typ ist ein sehr durchschnittlicher Mensch in einer durchschnittlichen Situation. Der andere Typ ist ein sehr außergewöhnlicher Typ in einer extremen Situation. Über diese zwei Typen schreibe ich, manchmal ist es eine Mischung. In einer Art und Weise bin ich ein Dokumentarist, ich nehme mir etwas, was in der Welt passiert.

 

Haben Sie eine Schreibroutine?

Ich versuche, von 9 bis 17 Uhr zu schreiben. Die Idee ist, sich selbst zu erlauben, etwas Schlechtes zu schreiben, damit man daraus etwas Besseres macht. Sonst bleibt man an einer Stelle hängen und versucht die Dinge so perfekt wie möglich zu machen. Man muss Geduld haben, über die Charakter tagträumen und sie hinaus in die Welt mitnehmen.

 

Ist Ihre Frau Ihre erste Leserin?

Ja. Ich höre auf ihre Meinung, weil sie eine Leserin ist, der es um die Charaktere geht. Sie fragt sich, ob sie den Charakter und dessen Situation interessant findet oder nicht, ob er ihr im Gedächtnis bleibt oder langweilig ist. Sie ist sehr gut darin, also höre ich auf sie.

 

Wie ist es, eine Lesung in einer anderen Sprache zu hören? Wenn Sie beispielsweise in Wien Ihr Buch auf Deutsch hören?

Normalerweise lese ich auf Englisch mit. Manchmal kann ich bestimmte Wörter auf Deutsch verstehen und weiß, in welcher Zeile wir uns gerade befinden. Wenn solche Lesungen stattfinden, kann die gefährliche Situation entstehen, dass ich mich frage, wie ich es hätte besser machen können. Wenn ich die Bücher jetzt erneut schreiben würde, würden sie ganz anders sein. Und das würde ich nicht wollen, ich bin glücklich mit ihnen, so wie sie sind.

 

Warum haben Sie „Letzte Nacht“ geschrieben?

Wir haben zu dieser Zeit in Avon, Connecticut gelebt und jede Woche diese schlechte Gratiszeitung in unser Postfach bekommen. Als zwanghafter Leser, der ich bin, habe ich sie aber natürlich gelesen. Bei den lokalen Nachrichten war ein Artikel über das Restaurant „Lobster“ in der nächsten Kleinstadt, das schließen musste. Die Menschen, die sonntags aus der Kirche kamen, wollten zu Mittag bei „Lobster“ essen und standen plötzlich vor verschlossenen Türen. Viele Menschen, die dort gearbeitet hatten, wussten gar nicht, dass es zumacht und sie ihren Job verlieren. Ich schnitt den Artikel aus und hob ihn auf. Sechs Monate später schloss die kleine Gasstation, zu der ich auf meinem Weg zur Arbeit zum Tanken fuhr. Ich kannte die Menschen dort nicht wirklich, aber einmal wöchentlich ging ich dorthin, und es war ein angenehmer Ort für mich. Plötzlich war das weg, und ein Teil meines Lebens hatte sich geändert, weil ich woanders tanken musste. Ich begann, über die Menschen, die dort arbeiteten, nachzudenken. Wie sie ihren Job verloren haben und all die Menschen, mit denen sie zu tun hatten. Das ist eine außergewöhnliche Sache, als würde sich ein Team auflösen. Ich glaubte, das könnte eine interessante  Geschichte werden. Menschen, die durch die Wirtschaft und die schlechte Lage im Krieg in Afghanistan und Irak ihren Job verloren haben. Ich dachte über die großen Folgen nach, die ein Jobverlust mit sich bringt. Dadurch kam mir Manny in den Sinn und alles, was er verliert.

 

„Letzte Nacht“ ist ein Roman über einen Mann aus der Arbeiterschicht. War es Ihre Absicht, über Menschen zu schreiben, die normalerweise nicht in Romanen vorkommen?

Ja, aber ich denke, das trifft für viele meiner Bücher zu. Ich stellte mir die Frage: Wie kann ich über das Arbeiten schreiben und das so formulieren, dass es eben nicht nur um den Job geht. Und dann bin ich eben auf einen Zeitungsartikel über ein „Red Lobster“-Restaurant, das zusperren musste, gestoßen. Irgendwie habe ich in meinem Hinterkopf angefangen, darüber nachzudenken. Ich fragte mich, wen würde die Restaurantschließung wirklich auch emotional bewegen? Schließlich kam mir die Idee über einen Menschen zu schreiben, der stolz ist, seine Arbeit zu machen. Denn das ist doch faszinierend: Obwohl Manny natürlich niemals ein Restaurant wie das Red Lobster besitzen könnte, empfindet er es fast wie ein Lokal, das ihm gehört. „Letzte Nacht“ ist daher vor allem ein Roman über den Stolz, seine Arbeit zu machen – auch wenn man dadurch sicher nicht reich wird. .

 

Haben Sie viel recherchiert?

Ja, ich musste ja jedes kleinste Detail wissen, weil Manny dadurch, dass er weiß, dass er das Restaurant verlieren wird, alles so geschärft wahrnimmt. Er will diese Welt irgendwie bewahren, will sie festhalten. Deswegen hat jedes Detail Bedeutung für ihn. Für die Entscheider im Konzern sind das alles nur Kostenfaktoren – für ihn sind das aber Emotionen. Niemand hat sich je so sehr um dieses Restaurant gekümmert wie er – und ich denke, das verschafft diesem Drama den nötigen emotionalen Druck.
Ich habe mit meiner Frau „Red Lobster“-Restaurants besucht und wir haben so getan, als hätte meine Frau Geburtstag. Und ich habe mit allen Angestellten Interviews geführt. Wenn du dich als Autor vorstellst, geben dir viele Menschen Antworten auf alle deine Fragen. Also habe ich Kellner, Barkeeper und Manager immer wieder befragt: „Was ist deine Aufgabe? Wie ist deine Arbeit? Welche Verantwortungen hast du? Erzähl mir etwas über deine Schicht. Was musst du tun, wenn das Restaurant geöffnet wird und was musst du beim Zusperren tun?“.

 

Und sie haben alle Fragen beantwortet?

Ja, sie haben alles beantwortet! Es war großartig. Und ich habe Kellner direkt darauf angesprochen, was von ihrem Alltag unbedingt in das Buch muss. Und sie haben mir etwa von Müttern erzählt, die ihre Kinder nicht unter Kontrolle haben, welche dann – mit Cola und allem abgefüllt – das Restaurant vollkotzen. Und ich habe versprochen, das zu erzählen …

 

War „Letzte Nacht“ ein erfolgreiches Buch?

Ja, sehr erfolgreich! Und es kam völlig unerwartet, weil der Verlag das Buch anfangs gar nicht wollte. Es wurde groß in der New York Times besprochen und wird weiterhin gut verkauft – sogar in vielen Schulklassen wird es gelesen. Weil man dafür höchstens eine Woche braucht und weil so zentrale Themen wie das Scheitern der traditionellen amerikanischen Wirtschaft angesprochen werden – dazu kommt noch der Konflikt Arbeiter versus Management.
Ich glaube aber, der Erfolg von „Letzte Nacht“ hat auch damit zu tun, dass ich in Pittsburgh aufgewachsen bin. Als ich gerade Teenager wurde, gingen dort sehr viele Jobs verloren. Ein Großteil der Bewohner der Stadt arbeitete ja in der Stahlproduktion. Und plötzlich wurde uns das weggenommen. Und niemand wusste, was wir dagegen machen konnten. Wir fühlen uns irgendwie aufgegeben.

 

Ein Interview mit Stewart O’Nan
von Helmut Schneider & Ursula Scheidl